Leseproben


Horst Jürgen Peter Miethe

HILFLOS

 

Ich hab nicht damit gerechnet,

dass du  mich so berührst

dass du die gleiche Sehnsucht

nach Nähe in Dir spürst.

 

Ich war auf nichts vorbereitet,

nicht auf deine Zärtlichkeit,

und deine sanften Worte,

nicht auf das Ende der Zeit.

 

Denn wenn ich dich berühre,

gibt es kein Gestern mehr.

Ich denke auch nicht „Morgen“,

als wenn heut immer wär.

 

Ich habe nicht erwartet,

es könnt wieder anders sein.

Ich war Dir zu sehr verfallen.

Und du warst zu sehr mein.

 

Wie nur soll ich trennen,

was ich nicht trennen kann,

und wie nur Dich begreifen,

Dich und den fremden Mann?

 


Leseproben aus der Vers-Werkstatt - Gedichte


Ulrich Stahr

 VERS–SPAZIERGANG DURCH

DIE ZEIT

So ist unser Daseins Lauf:

Wir wachsen Frühlings-freundlich auf,

der Lebens-Sommer hat die Kraft,

der Lebens-Herbst ist wechselhaft.

 Im Herbst, da denkt mit Freude schon

der Christ an Fest und Gottessohn

und große wie auch kleine Leute

freu’n auf Geschenke sich schon heute.

Im Herbst, wenn Temperaturen sinken

und Blätter, fallend gelb nur blinken,

denkt man an neue Frühlingszeit,

des nächsten Sommers Blumenkleid.

Im Lebens-Herbst, mit weißem Haar

 schaut mancher rückwärts – Jahr für Jahr.

Doch Glück gibt nur und frohen Sinn

der Blick nach vorn zum Leben hin.

 

 

Horst Rennhack

 CARPE DIEM

Verträume die Nacht.

 Doch – verschlaf nicht den Tag.

 Damit er dir gelingen mag –

 nutze den Tag!

 

Beginn’ nicht den Morgen

 mit Bangen und Sorgen.

 Was er dir auch bringen mag –

 nutze den Tag!

 

Ist etwas schon lange liegen geblieben,

 dann kannst du’s auch heute noch mal verschieben.

 Du schaffst nicht alles mit einem Schlag.

 Nutze den Tag!

 

Geht etwas auch schief,

 was besser mal lief –

 fang’ noch mal an und nicht verzag.

 Nutze den Tag!

 

Das Leben kann dir nicht unendlich

viele Tage gegeben

aber der Tag

 unendlich viel Leben.

 


Liane Tittel

EIN SOMMERTAG AM MÜGGELSEE

Sommergold’ne Sonnenkringel

 malt die Sonne in den See.

 Und es treibt mein Boot …

 ich träume in die lichte blaue Höh’.

 

Eine Weihe … Pünktchen klein,

 zieht hoch oben ihre Kreise.

 Drüben, im dichten Uferschilf,

 quakt ein Frosch, verschlafen, leise.

 

Lauer Wind streicht meine Schulter,

 wie’s sonst nur mein Liebster tut.

 Lass mich, Welt, dich heut’ umarmen,

 du Müggelsee! – Ich bin Dir gut.

 

Horst Jürgen Peter Miethe

RETTUNG DES SOMMERS

In bunten Bäumen nistet schon der Herbst,

 und kichernd zählt er Blatt für Blatt,

 das müd sich von den Ästen stiehlt.

 

Er schiebt der Sonne Nebel vors Gesicht

 und spielt mit erstem Rauch

 aus häuslichen Kaminen.

 

Der Sommer

 sucht in unseren Küssen  ein Asyl.

 Hier

 lassen wir ihn überwintern.

 

 

 


Klaus G. Lonvitz

 ENTFALTUNG DES FRÜHLINGS

Was die Raupen sich erlauben!

 Fraß vom grünen Blattwerk rauben,

 Teile der Natur vernichten!

 Nicht verfolgt von den Gerichten?

 

Ganz schnell verpuppt, wenn das gescheh’n,

 sind sie am Tatort nicht zu seh’n.

 Daraus werden Schmetterlinge,

 flattern und sind guter Dinge.

 

Sie schmücken auch die Blütenpracht,

 ein Kunstwerk, wenn die Sonne lacht.

 Was als Larve sie so fressen,

 hat man da schon längst vergessen.

 

Farbigkeit beflügelt Triebe

 und auch Phantasien und Liebe.

 D’rum findet man im Lenz sie auch,

 froh zappelnd, in so manchem Bauch.

 

Bettina Linzer

APRIL, APRIL

 Jetzt kommt der April

 Und ich weiß was ich will

 Viel Blüten und Blätter

 Beständiges Wetter

 Und will nicht mehr warten

 Will raus in den Garten

 Pflanzen und säen

 Den Rasen mähen

 Blumen begießen

 Viel Sonne genießen

 Doch Hagel und Schnee

 Tun mir jetzt weh

 Ich hoffe im Mai

Dieser Spuk ist vorbei

 


Frank Stahr

 JENSEITS

Jenseits des Mondes leuchten Sterne

 Jenseits des Weges lockt die Ferne

 Jenseits des Lebens herrscht die Stille

 Jenseits des Wunsches wirkt der Wille

 

Jenseits der Schmerzen tönt ein Lachen

 Jenseits des Traums folgt das Erwachen

 Jenseits des Meeres liegt ein Land

 

Jenseits des Lichts sucht eine Hand

Jenseits der Sonne verhüllt die Nacht

 Jenseits der Sorgen schlaf ich sacht

 Jenseits des Schweigens lauert Streit

 Jenseits der Liebe herrscht das Leid

 

Jenseits der Tränen brechen Herzen

 Jenseits der Tage brennen Kerzen

 Jenseits der Wahrheit trügt der Schein

 Jenseits von Dir bin ich allein

 

Karl  Wolfgang  Barthel

 AM BAUM DER WELT

 Ich bin ein Blatt am Baum der Welt,

 der sich dem Sturm entgegen stellt.

 Mein Grün erglänzt im Sonnenschein.

 Der Regenschauer wäscht mich rein.

 Ich bin geschwisterlich umringt.

 Der Saft des Lebens mich durchdringt.

 Zuletzt verfärbt sich mein Gewand,

 als sei ein Feuerstrahl entbrannt.

 Dann zerrt der Herbst mich, welk und matt.

 Am Baum der Welt war ich ein Blatt.

 

 

 


Rosel Ebert

 SPUREN

Zum Wunder des Daseins

an jedwedem Ort

 gehört eine Spur,

 darin leben wir fort.

 

Die Spur deiner selbst –

 tief gräbt sie sich ein,

 wer will, kann sie finden

 in Sand und in Stein.

 

In Worten und Bildern,

 in Zeit und im Raum,

 verwurzelt so fest

 wie ein uralter Baum.

 

Wir nehmen die Spur –

 mal kreuz und mal quer,

 und schließlich erscheint uns

 der Weg öd’ und leer.

 

Nun halten wir inne –

 geh’n  Stückchen für Stück,

 die Spur unseres Lebens

 ganz langsam zurück.

 

Wir finden den Reichtum,

den schwer wir vermisst:

In Träumen wird all das,

was war, jetzt zum Ist.

 

Hans Joachim Koppe

 WAS BLEIBT…

 

 Noch trägt der Weg

 

 die Spuren unsrer Jahre.

 

 Noch klingt das Lied

 

 in unsren Herzen fort.

 

 Rühr sie nur an,

 

 die zarten Saiten,

 

 und lausche der

 

 vertrauten Melodie:

 

 Was uns geführt

 

 durch unsrer Kinder Tage,

 

 was immer Anfang war

 

 und gutes Ende,

 

 das verlässt uns nie.

 

 

 

 

 


Jürgen Molzen

 EINE LERCHE AUF DER LÄRCHE

 TIRILIERT AM MÜGGELSEE…

Eine Lerche

auf der Lärche

tiriliert

am Müggelsee.

 

Eine Fähre –

meine „Arche“

kommt von „RÜBEZAHL“,

Olé!

 

Stadteinwärts

die Menschen strömen,

schwatzen Handys übervoll …

 

Und mein Herz

lauscht meiner SCHÖNEN,

deren Töne sehnsuchtsvoll:

 

Eine Lerche

auf der Lärche

tiriliert

am Müggelsee …

 

 Dagmar Neidigk

BÖLSCHE  102

Eine Straße. Eine Nummer.

Verzeih!

Was ist schon dabei:

Bölsche 102 ?!

 

Eine Kindheit. Eine Jugend.

Eine Liebe.

Sie brach entzwei.

Bölsche 102.

 

Ein Zaun. Ein Garten.

Ein Hahnenkamm.

Frohes Kindergeschrei.

Bölsche 102.

 

Eine Milchkanne. Mutters Hände.

Kuchenränder

aus der Feinbäckerei.

Bölsche 102.

 

Eine Wiener Schale. Glück pur.

Lindenduft.

Von Sorgen frei.

Bölsche 102.

 

Aus und vorbei!

Die schönste Zeit hieß:

Bölsche 102 !

 


Volker Krastel

 BRANDENBURGER TOR

Heut stand ich wieder mal davor –

vor meinem „Brandenburger Tor“.

Ich konnte nicht die Augen wenden;

soviel Ästhetik kann auch blenden.

 

In jedem Durchgang, fünf genau,

gibt es Reliefs aus der Geschichte.

Durch den erhab’nen Klassikbau

erstrahlt Berlin in bestem Lichte.

 

Die Siegesgöttin lächelt leise.

Sie lenkt mit leichter Hand die Pferde

und bittet auf besond’re Weise,

um Frieden auf der ganzen Erde.

 

Dies Denkmal zeigt nicht den Triumph –

es zeigt die Lust am Leben.

Auch die Standarte erscheint stumpf,

und scheint mir Recht zu geben.

 

Ja, der Berliner liebt sein Tor.

Nach Kriegen und Zusammenbruch,

bei Wendezeiten, nach und vor,

erzählt’s Geschichten, wie ein Buch.

 

Brigitte Weidner

FRIEDRICHSHAGENER DICHTERKREIS

Es zog sie hinaus

aus der Enge der Großstadt

nach Friedrichshagen

 

Eine Gemeinschaft

Gleichgesinnter waren sie

Dichter und Denker

 

Naturverbunden

und Kritiker ihrer Zeit

schufen sie Großes

 

Wir als Nachkommen

bewahren diese Schätze

glücklich darüber