Leseproben aus der Vers-Werkstatt - Kurz-Prosa


Dagmar Neidigk

ÜBERRASCHUNG

Aus. Schluss. Punktum. Luci hat die Nase voll, gründlich voll! Voll von Paul, dem Schlawiner. Zehn Jahre lang hat sie an seiner Seite ausgeharrt. Jenseits der 60 hatte es sie zusammengeschmiedet, das Schicksal. Zehn lange Jahre hat sie seine Sachen gewaschen, sein Essen bereitet, seine Unordnung geduldet, seine Launen ertragen, seine Sturheit toleriert, über seine Schmuddelwitze müde gelächelt. Zehn Jahre hat sie ertragen, dass er es ignorierte, wenn er zwei unterschiedliche Socken trug, wenn seine Hemdkragen durchgeschabt waren, wenn er die Unterhosen falsch herum an hatte, wenn er sie in fleckigem Sakko zum Spaziergang abholte. Sie hatte nicht aufgemuckt, wenn er jungen Mädchen nachschaute und – sich lächerlich machte. Zehn Jahre lang hat sie kein Wort darüber verloren, dass er ihrer gepflegten Erscheinung keinerlei Bedeutung beimaß, dass er das modische Tuch an ihrer immer noch attraktiven Figur übersah, dass ihn die stets gut geföhnte Frisur in lockiger Fülle kalt ließ, dass ihre Liebe und Fürsorge höchstens mit wortkargem Gebrabbel abgetan wurden.

 

Genug. Gestern hat sie es ihm gesagt, ein wenig zaghaft zwar, ja vielleicht auch ein bisschen kleinlaut. Sie will ihn nicht mehr sehen – soll er doch in seinem Saustall hausen. Einige Jahre werden ihr schon noch bleiben. Für ihn macht sie sich nicht mehr schick! Weiß Gott nicht! Soll er doch allein seine Brille suchen. Soll er doch die Tabs für sein Gebiss weiterhin mit Magnesiumtabletten verwechseln. Ihr doch egal. Soll er doch versauern an seinem  Lebensabend. Die Miezen, denen er nachschaut, werden ihm bestimmt nicht den Nachttopf bringen. Jetzt wird es noch einmal richtig schön – ohne Chaos-Paul.

 

Luci zieht ihre türkisfarbene Bluse an, geht in das nette Café, in das er nie mit wollte: Zu fein! Mit ihren frisch frisierten Locken und dem neuen Blazer ist sie ganz Dame von Welt. Niemand stolpert unwillig neben ihr her. Niemand vergisst ihr die Tür aufzuhalten! Niemand! Diesen Tag wird sie genießen – ebenso wie die neidvollen Blicke ihrer Leidenskameradinnen an der Seite der anderen alten Griesgrame. Ihren ist sie los! Was sind schon 72 Jahre, wenn die Welt offen steht für gepflegte Konversation und kultivierten Umgang. Doch schade, ein wenig kämpfen um sie hätte er ja schon können, der Paul. Sturkopf bleibt Sturkopf!

 

Im Café angekommen geht Luci auf den kleinen Tisch in der schummrigen Ecke zu, ihren Stammtisch. „Hallo Luci, Du siehst zauberhaft aus!“ – „Paul, ich glaub es nicht, Du hier?!“

 

„Du hattest gestern so ein sorgenvolles Gesicht. Da wollte ich Dir eine Freud machen!", antwortete Paul ein wenig verlegen. "… und mein Hörgerät habe ich heute auch dabei!

 


Horst Jürgen Peter Miethe

DIE DINGE DER FRAUEN

Die Wohnungstür fiel mit einem Knall ins Schloss. Er atmete auf. Es war überstanden. Sie hatten sich getrennt. Schluss mit den endlosen Streitereien bis weit nach Mitternacht und ihrer ständigen Besserwisserei! Gott sei Dank war es mit ihnen nicht so lange gegangen, dass ihm die Trennung sonderlich nahe ging.

 

Als er in die Küche kam, runzelte er die Stirn. Auf dem Stuhl lag ihr Pullover. Sie würde nie begreifen, dass man seine Kleidung nicht über alle Zimmer der Wohnung verteilt. Aber das war ja nun egal. Allerdings, den Pullover hatte er am Hals. Denn, dass sie ihn nicht abholen würde, selbst wenn sie ihn vermisste, war so sicher wie das Amen in der Kirche.

 

Es lief stets auf das Gleiche hinaus. Weshalb konnten Frauen, wenn man sich von ihnen trennte, nicht alle pesönlichen Sachen, die sie in seinem Leben mittlerweile  untergebracht hatten, wieder mitnehmen?

 

Schon das Einsickern dieser Dinge in seinen Alltag schien geheimnisvollen Gesetzmäßigkeiten zu folgen. Es gab ein Muster, an dem sich deutlich der Stand der jeweiligen Beziehung ablesen ließ. Zuerst tauchte ganz harmlos ein Ohrring oder eine Halskette auf. Doch nicht sofort sichtbar, sondern unter seinem Bett – scheinbar verloren im Eifer der Nacht. Dann folgte die Haarklammer auf der Garderobe im Flur, nebst einigen ihrer Haare in seiner Bürste. Angeblich hatte sie ihren Kamm vergessen. Irgendwann stand dann ein kleines Fläschchen rosa Nagellack dezent hinter der Kaffeesahne in seinem Kühlschrank.

 

Er fragte sich, ob sich Frauen vielleicht wie Katzen verhielten. Sie schienen ihr Revier zu markieren. Voller Misstrauen, weil man ja nie wissen konnte, ob da nicht doch noch eine andere mit im Spiel war.

 

Später fanden sich Dinge des ganz normalen Alltags ein: ihre Zahnbürste im Bad – des besseren Geschmacks der Küsse wegen, die weichen Hausschuhe neben der Eingangstür – der Bequemlichkeit halber – und nicht zu vergessen ihre Regenjacke an der Garderobe. Für sie lieferte die Klimakatastrophe mit dem schnell umschlagenden Wetter die Begründung. Jetzt war es an der Zeit, die eigenen Zukunftspläne gründlich zu prüfen. Denn alle Zeichen ließen ihre Absicht erkennen, der bisher wunderbar unkomplizierten Beziehung zu ihm Dauer und Strukturen  zu verleihen. Alles Mögliche von ihm zu verlangen und zu erwarten. Kurz: seine Unabhängigkeit in Gefahr zu bringen.

 

Seufzend griff er nach dem Pullover. Er würde ihn waschen und ordentlich in den Schrank legen. Ganz weit nach hinten, zu den anderen Sachen, die dort vor neugierigen Blicken verborgen waren. Zu Monikas BH, zum Nachthemd von Beate, zum T-Shirt von Eva und zu Inas Miederhöschen. Nicht dass er ein Faible für getragene Damenwäsche hätte. Aber es konnte doch sein, dass eine von ihnen unerwartet zu ihm zurückkam. Und da war wohl das Mindeste, was sie erwarten konnte, dass er ihre ihm quasi als Pfand anvertrauten Sachen sorgfältig gepflegt hatte. Als Beleg dafür, wie eng er sich ihr verbunden fühlte.

 


Karl Wolfgang Barthel

DER RADFAHRER

„Beneidenswert“, dachte ich. Er trat in die Pedalen und brauste an  mir vorüber, einen Gruß mir zurufend: „Guten Morgen, Herr Nachbar.“ Auf dem Gepäckträger hatte er eine Tasche geklemmt, prall gefüllt mit Sachen vom Einkauf, von dem er gerade zurückkam. Ich war auf dem Wege dorthin, stützte  mich auf meinen Stock, zog eine Karre hinter mir her, spürte die Beschwerlichkeit des Weges. Radfahren müsste ich können wie er. Früher konnte ich es, bis meine Augen trübe wurden. Nur wenige Jahre war ich älter als er, doch diese Jahre zählten. Es war, als ob wir uns verabredet hätten. Sehr oft begegneten wir uns beim morgendlichen Einkauf. Und immer wieder dachte ich, wie gut ist er doch dran, mein Herr Nachbar, der so flott auf seinem Rad vorüber fuhr.

 

Die Wahrheit erfuhr ich erst später. Meine Frau sagte sie mir, und diese hatte sie von seiner Frau erfahren. Beneidet hatte ich ihn. Bedauern hätte ich ihn müssen. Er fuhr nicht Rad, weil er wollte, sondern weil er nicht anders konnte. Er litt. In seinen aktiven Jahren hatte er als Maurer auf dem Bau gearbeitet. Schwerste körperliche Arbeit hatte er zu verrichten, tragen, heben, schleppen, das war sein Beruf. Seine Hüften hat er dabei ruiniert. Zu gar nichts taugen sie mehr, schmerzen nur noch, jeder Schritt wird ihm zur Qual. Einzig auf dem Fahrrad fühlt er sich noch beweglich. Wie sportlich radelt er daher! Wie freundlich klingt seine Stimme, wenn er mir seinen Gruß entgegen ruft! Ich habe mich getäuscht. Keine Spur mehr von Neid. Ich bewundre ihn.

 

Er soll neue künstliche Hüftgelenke bekommen. Ein Eingriff, dem sich viele unterziehen. Doch er, der auf dem Rad so kräftig strampelt, er, der alles andere ist als ein Kind von Traurigkeit, hat Angst davor wie ein Kind. Er hat von Fällen gehört, wo die Operation misslungen ist, wo die Patienten für den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl gefesselt waren. Es könnte auch mir passieren, denkt er. Und so schiebt er den Eingriff immer weiter vor sich hin, schwingt sich aufs Rad und hofft, es noch lange zu können. Mir wür-de etwas fehlen, wäre es nicht mehr so. Machen Sie es gut, Herr Nachbar. Bis zur nächsten Begegnung.